"Einmal Spätzle essen reicht völlig aus"
Chinesische Schülerin Hanxiao Dai hält sich bis Ende der Woche in Pforzheim auf – In eine völlig andere Welt eingetaucht
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| Bei der Familie Kiefer fühlt sich die chinesische Schülerin Hanxiao Dai (Mitte), die erstmals mit Messer und Gabel isst, ausgesprochen wohl. Pfannenkuchen sind ihr Leibgericht, aber Spätzle will sie nicht mehr essen. |
32 junge Chinesen der Changhe-High-School aus der Sieben-Millionen-Einwohner-Stadt Hangzhou sind bei Gasteltern in der Goldstadt untergebracht; Hanxiao Dai fühlt sich in der Familie der Musiklehrerin Nathalie Kiefer so wohl, dass sie ihre Gasteltern „Onkel“ und „Tante“ nennt. Aber einmal Spätzle essen reicht ihr völlig. Die Chinesin kann nicht verstehen, dass es dieses Gericht in der Familie drei Mal in der Woche gibt, weil Tochter Nathalie (14), eine Schülerin des Hebel-Gymnasiums, und die weiteren Familienmitglieder Spätzle so sehr mögen.
„Pfannkuchen schmecken gut“
Am Donnerstagabend im Garten der Kiefers an der Schauinslandstraße stand erst einmal Pfannkuchen mit Apfelmus oder Nougatcreme auf dem Speiseplan. „Ich glaube, das ist mein deutsches Lieblingsessen“, sagt Hanxiao und benutzt elegant, aber auch sehr langsam, Messer und Gabel. So komisch zu essen, hat sie zu Hause mit ihrer Mutter geübt, bevor sie die Deutschland-Reise angetreten hat.
Beeindruckt ist Hanxiao davon, dass schon junge Pforzheimer unempfindlich gegen Schmerz sind, wie sie im Barfußpark in Ötisheim festgestellt hat. „Da laufen selbst die kleinsten Kinder meiner Gastfamilie barfuß über Tannenzapfen, Splitt, Sand, Matsch und Holz und lachen auch noch dabei“, wundert sich die Chinesin. „Als ich das ausprobiert habe, fühlte ich nur Schmerz, sonst gar nichts. Das war grauenvoll“, berichtet sie. Aber schließlich habe sie das unter die Rubrik „andere Länder, andere Sitten“ abgehakt.
Das hat auch die 14-jährige Nathalie Kiefer aus Pforzheim, die Hanxiao Dai in China bereits besucht hat. Sie habe eine tolle Gastfreundschaft erfahren und sich manches Souvenir mitgebracht, mit dem sie später ihr Zimmer geschmückt habe. Beim Übersetzen der Schriftzeichen half Hanxiao aus. „Da ist die alte Lebensweisheit zu lesen, dass jedes Ding mindestens zwei verschiedene Seiten hat“. Diese Erkenntnis wolle sie in ihrem Wunsch-Beruf als Rechtsanwältin nutzen. Schon jetzt müsse sie täglich von 8 bis 22 Uhr lernen.
Sie habe sich an strenge Schul- und Elternhausregeln halten, das heißt: Kein Kontakt zu Jungen, nicht rauchen, beim Essen nicht schmatzen (obwohl das in China Sitte ist). „Die meisten Chinesinnen in meinem Alter wissen nicht einmal, welcher Bus ins Stadtzentrum fährt, weil sie das einfach nicht dürfen.“
Strenge Verhaltensregeln
Die strengen Regeln hätten aber auch Vorteile: 60 Schüler in einer chinesischen Klasse seien eine geringere Geräuschkulisse als 30 in einer deutschen. „Dafür geht es in Deutschland freier zu. Und die viele Freizeit, die deutsche Schüler haben, lässt ihnen Raum für Hobbys.“
Hanxiao Dai wundert sich auch über knutschende Pärchen im Schulhof. „Das wäre in China unmöglich. Als ich einmal einige Schritte mit einem Jungen im Schulhof gelaufen bin, um mich zu unterhalten, kam sofort der Rektor und ermahnte mich, so etwas Ungebührliches zu unterlassen.“
Artikel wurde erstellt von: Roger Rosendahl
Andere Länder, andere Sitten
Zum Thema „andere Länder, andere Sitten“ kann die Pforzheimer Schülerin Nathalie Kiefer (14) einen Beitrag leisten, die gegenwärtig mit einer chinesischen Austauschschülerin zusammenlebt. Als sie die 16-jährige Hanxiao Dai und deren Familie in China besucht hat, wusste Nathalie oft gar nicht, was sie gegessen hat. Besonders beeindruckt war sie von der Einladung eines chinesischen Lehrers in einem Restaurant. „Da wurde eine mit Krabben in Eis dekorierte Speiseplatte serviert, und als das Eis schmolz, sah man, dass die Krabben noch lebten.“ Essensreste würden einfach auf die Plastik-Tischdecke gespuckt, die hinterher weggeworfen werde. Nathalie: „ Das war für mich sehr gewöhnungsbedürftig.“
PZ vom 20.7.2006
