Bericht von Carla Seemann
Dass es hier anders werden wuerde als “daheim” das wussten wir bereits vor Antritt unserer grossen Reise. Es gab so viel zu beachten: Angefangen bei der Rocklaenge bis zu Gespraechsthemen bei Tisch. Letztendlich konnten uns all diese Ratschlaege auch nicht weiterhelfen als wir aus der Tuer des Flughafens traten und dachten: “Mein Gott, das ist Amerika!”
Unverkennbar waren wir richtig gelandet. Allein schon die grossen, komfortablen Autos waren Beweis genug. Nicht zu vergessen die unheilvoll aussehenden Security-Maenner, die ueberall auf dem Flughafengelaende anzutreffen waren. Ich fuehle mich in Deutschland ehrlich gesagt sicherer, obwohl fuer die Sicherheit weniger auffaellig gesorgt wird.
Aber wie gesagt ist Deutschland nicht Amerika und deshalb moechte ich einige wichtige Unterschiede im Folgenden festhalten.
Allein schon in der Schule lassen sich davon eine Menge feststellen. Wobei man dabei natuerlich beachten muss, dass wir das Privileg haben, hier eine Privatschule besuchen zu duerfen, was nicht selbstverstaendlich ist. Ganz im Gegenteil - wer auf eine Privatschule gehen will, muss hier eine Menge Geld zahlen, doch nur wer eine Privatschule besucht hat, hat optimale Voraussetzungen fuer den spaeteren Collegebesuch, der wiederum auch eine Menge Geld kostet. Daraus laesst sich schliessen, dass die Chancenungleichheit zwischen Arm und Reich in Amerika grosser ist als in Deutschland, wo sich zwar auch nur die Reichen zum Beispiel Nachhilfe leisten koennen, aber trotzdem jeder, dessen Leistungen ausreichend sind, auf ein Gymnasium gehen kann. Und auch wenn es “nur” ein Oeffentliches ist, wie z.b. das Kepler, glaube ich doch, dass wir gute Voraussetzungen haben, einen hohen Bildungsstandard zu erreichen. Der Unterschied zwischen Privat- und oeffentlicher Schule ist bei uns in Deutschland demnach nicht so gross wie in Amerika.
Auch die Art des Unterrichts ist ziemlich verschieden. Waehrend die Lehrer hier in vielen Faechern einfach nur einen 45-minuetigen Monolog halten und sich die Schueler Notizen machen muessen, duerfen wir uns in Deutschland am Unterricht beteiligen, diskutieren und unsere Meinung sagen. Diese wird hier eher selten gesagt und gefragt.
Die Anforderungen hier sind hoeher als bei uns und das Einhalten der Schulordnung ist genauso selbstverstaendlich wie die technische Ausstattung in jedem Klassenzimmer. Die meisten Schueler hier kennen unsere traditionelle Tafel, auf der man noch mit Kreide schreibt, wahrscheinlich gar nicht mehr!
Laut meiner Austauschpartnerin ist es hier uebrigens normal, dass die Schueler nicht mehr als sechs Stunden Durchschnittschlaf bekommen, weil sie sonst mit ihren Hausaufgeben nicht fertig werden wuerden.
Ebenso ist die Schulgemeinschaft, das Zusammengehoerigkeitsgefuehl zwischen den Schuelern ein anderes. Dies wird nicht nur durch die Schuluniformen (deren Roecke uebrigens bei weitem nicht uebers Knie gehen!) deutlich, sondern vor allem beim Sport. Hier ist es fuer jeden Schueler Pflicht, in einem Sportteam mitzuwirken (man hat z.B. Soccer, Football und Volleyball zur Auswahl), das jeden Tag nach der Schule trainiert. Da koennen wir mit unsere Doppelstunde Sport in der Woche nicht mithalten. Bei uns muss sich jeder selbst darum kuemmern, in einen Sportverein einzutreten und diesen dann in seiner Freizeit besuchen.
Auch durch spezielle Veranstaltungen wie der “Spirit Week”, die letzte Woche stattfand und bei der man sich jeden Tag einem anderen Motto gemaess verkleiden musste oder beim “Homecoming” wird das Zusammengehoerigkeitsgefuehl unterstrichen.
Ich wage es fast nicht, diese Veranstaltungen mit unseren spaerlich besuchten Theaterauftritten oder dem Kulturnachmittag zu vergleichen, bei dem ca. 20 Leute anwesend waren.
Erst hier in Amerika wurde mir besonders deutlich, wie schlecht unsere Schulgemeinschaft im Vergleich abschneidet. (Uebrigens: Hier werden auch viel mehr soziale Projekte veranstaltet. Die Schueler helfen z.B. in einer Suppenkueche oder machen Spaziergaenge mit Rollstuhlfahrern in einem Altenheim.) Doch was macht den Unterschied? Das gemeinsame Beten und der Treueschwur vor dem Unterricht oder allgemein die Mentalitaet der Amerikaner, die Stolz auf ihr Land sind?
Zumindest laesst sich feststellen, dass die Schueler stolz auf ihre Schule sind.
Dies wurde uns vor allem am Montag, bei einem Wettrennen des Run Cross Country Teams deutlich. Die Teilnehmenden gaben alles um zu gewinnen; ihre persoenliche Bestzeit aufzustellen. Doch hatten wir eher den Eindruck, dass die Schueler nicht aus Spass am Rennen mitmachten, sondern fuer ihre Schule. Alle standen sehr unter Druck, denn jeder sollte seine persoenliche Bestzeit laufen.
Es gab Traenen, Zusammenbrueche und grosse Anspannung.
Wenn man das z.B. mit Veranstaltungen der Art an unserer Schule vergleicht, wie dem Sparkassenwettschwimmen oder dem Theaterwettbewerb, so laesst sich feststellen, dass wir diese Dinge zwar auch Ernst nehmen, bei uns aber vor allem der Spass an der Sache Im Vordergrund steht und nicht nur die Leistung.
So kann man den grossen Nationalstolz, den die Amerikaner haben, schon bei kleinen Dingen feststellen: Die Schueler sind stolz auf ihre Schule, die Amerikaner allgemein stolz auf ihr Land. Sie bezeichnen sich selbst als “fuehrendeWeltmacht” und haengen ihre Fahne auf.
Wo ist unser Nationalstolz? Bei der WM konnte man ihn das erste Mal erahnen, doch wurde es dort auch als kritisch angesehen, weil die Zeit des Dritten Reichs noch nicht so lange zurueckliegt.
Ich faende es gut, wenn wir etwas vom Stolz der Amerikaner abhaben koennten, es sollte jedoch nicht so extrem sein wie hier, wo ich das Selbstbewusstsein der Nation uebertrieben finde.
Natuerlich zeigen sich auch beim Essen viele Unterschiede: Die Amerikaner glauben wirklich, sich mit fettreduzierten Lebensmitteln und Toastbrot, mit Obst, das schon geschnitten gekauft wird und in Erdnussbutter gedippt wird (man koennte sich ja zu gesund ernaehren!) gesund zu ernaehren.
Dass hier viel Fastfood gegessen wird, ist ausserdem nicht nur ein Vorurteil, sondern entspricht wirklich der Wahrheit.
Abschliessend moechte ich sagen, dass anders nicht gleich schlecht bedeutet und dass es wirklich spannend ist, mal etwas komplett anderes zu erleben. Wenn es auch nur fuer drei Wochen ist.
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